Interviewreihe Rehasport

Rehasport Psychiatrie

Interview mit Anette Kümmel, Rehasport-Übungsleiterin Psychiatrie beim Active Plus Weingarten e.V.

„Einer muss ja mal den Anfang machen.“

Als Anette Kümmel ihre Rehasport-Ausbildung absolvierte, war für sie schnell klar: Psychische Erkrankungen brauchen auch im Rehasport ihren festen Platz. Während Angebote für Orthopädie oder Herzsport längst etabliert sind, fehlen vielerorts noch immer passende Bewegungsangebote für Menschen mit psychischen Belastungen. Gemeinsam mit ihrem Verein beschloss sie deshalb, neue Wege zu gehen. Im Interview mit BBS-Mitarbeiterin Tanja Wolf berichtet sie über ihre Erfahrungen.

Was hat dich damals motiviert, diesen Schritt zu gehen und wie bist du das Thema angegangen?

Mich hat das Thema Psyche schon immer interessiert. Auch in anderen Rehasport-Indikationen wie Orthopädie oder Herzsport begegnen einem Teilnehmer, deren Verhalten manchmal schwer zu verstehen ist. Dafür Akzeptanz und Toleranz aufzubauen, ist schwierig, aber umso wertvoller, wenn man die Teilnehmer bis zu einem gewissen Punkt verstehen kann.

Mir war schon damals bewusst, dass psychische Erkrankungen im Rehasport einen Platz finden müssen. Mit dem Verständnis für den Körper, für Entspannung und Spannung sowie gezielten Bewegungselementen kann man erkrankten Menschen viel Gutes tun.

Die Betroffenen kommen meist aus stationären Therapien und werden anschließend „allein“ gelassen – natürlich mit dem Rat, sich eine Bewegungs- oder Entspannungsgruppe zu suchen. Für viele ist das eine riesige Herausforderung. Viel einfacher ist es, wenn es eine spezielle Gruppe für „Erkrankte“ gibt und diese Einheiten über die KV56 verordnet werden.

Und einer muss ja mal den Anfang machen. 😉

Nach der Ausbildung hast du mit deinem Verein eine eigene Rehasportgruppe aufgebaut. Wie ist euch das gelungen und welche Herausforderungen sind euch dabei begegnet?

Wir haben direkt nach meiner Prüfung eine Rehasportgruppe für psychische Erkrankungen ins Leben gerufen. Bei uns auf dem Land wird über dieses Thema leider immer noch nur unter vorgehaltener Hand gesprochen. Entsprechend schwierig war schon die Bewerbung, etwa in unserem Ortsblatt. „Rehasport für psychische Erkrankungen“ hört und liest sich für Laien doch eher schwierig.

Wir haben uns deshalb für die „gelbe Gruppe“ mit einer Sonnenblume im Hintergrund entschieden. Im Text wurde natürlich deutlich, für welche Indikation die Gruppe gedacht ist.

Anders als bei Ortho- oder Herzsportgruppen braucht man hier einen langen Atem. Der „Ansturm“ ließ, gerade zu Beginn, zu wünschen übrig. Man braucht schon Durchhaltevermögen, um die anfängliche Durststrecke mit teilweise nur zwei bis drei Teilnehmern zu überwinden – sicher auch, weil viele Betroffene erst erkennen müssen, dass ihnen ein regelmäßiges Bewegungs- und Entspannungsprogramm guttut.

Wir mussten einige „Klinken putzen“, zum Beispiel Flyer bei Ärzten, Kliniken und Selbsthilfegruppen auslegen. Viel läuft aber auch über Mundpropaganda.

Auch die Gruppenzeit von 10 bis 11 Uhr vormittags war eine Herausforderung. Viele sind nach ihrer stationären Therapie wieder berufstätig, auch in Teilzeit, und haben nur nachmittags oder abends Zeit. Zudem sind Vormittagstermine schwierig, wenn Medikamente zu bestimmten Zeiten eingenommen werden müssen.

Was macht die Arbeit in diesem Bereich besonders? Und warum lohnt es sich, die entsprechende Ausbildung zu absolvieren?

Es lohnt sich auf jeden Fall für alle, die sich gerne mit diesem Thema beschäftigen. Ich finde es unglaublich schön und wertvoll, Menschen mit einem hohen Spannungstonus entspannen zu können und ihnen Möglichkeiten der Atem- und anderen Entspannungsformen anzubieten, auch in Verbindung mit Übungen zur Aktivierung des Vagus-Nervs.

Im Rehasport gibt es nichts Schöneres, als zu sehen, dass jemand den Zugang zu sich und zu möglichen erleichternden Übungen gefunden hat. Auch das Thema Resilienz spielt hier eine große Rolle.

Viele Interessierte – Vereine wie Übungsleitende - haben Respekt davor, mit Menschen mit psychischen Erkrankungen zu arbeiten. Was hat dir geholfen, Sicherheit im Umgang mit den Teilnehmenden zu gewinnen?

Wer schon Rehasportgruppen anbietet, für den ändert sich rein gar nichts. Psychisch Erkrankte mit einem akuten Schub, wie beispielsweise einer Schizophrenie oder bipolaren Störung, kommen nicht in die Gruppe. Die Teilnehmer sind meistens alle medikamentös sehr gut eingestellt und unterscheiden sich in keiner Weise von Teilnehmern aus anderen Gruppen.

Man sollte nur ein wenig aufpassen, keine Verschlechterung des Zustands oder Ähnliches über Trigger auszulösen. Beispiel: Eine Teilnehmerin ist an Anorexie erkrankt – hier wäre es schwierig, Übungen für das Gleichgewicht bzw. Verlagerungsübungen zu machen, bei denen das eigene Körpergewicht spürbar wird. Oder Entspannungsreisen ans Meer, wenn jemand panische Angst vor Wasser hat.

Dafür gibt es aber Anamnesebögen, die vor Start des Rehasports ausgefüllt werden müssen. Zudem sind die Übungsleiter einer solchen Gruppe weder Gesprächstherapeuten noch Verhaltenstherapeuten. Wir sind Übungsleitende im Rehasport und lediglich für den Bewegungsbereich zuständig und können u.a. die verschiedenen Möglichkeiten der Entspannung, Wahrnehmung und dadurch auch eine Resilienzstärkung anbieten.

Wenn dich heute jemanden ansprechen würde, der überlegt, die Ausbildung im Bereich Psychiatrie zu absolvieren: Was würdest du dieser Person mit auf den Weg geben?

Unbedingt machen! Ich sehe dieses Thema in einigen Jahren als absolut notwendigen Bedarf im Bereich Rehasport. Ich denke und hoffe, dass es, wie die Orthopädie und der Herzsport, ein Selbstläufer werden wird.

Eigentlich ist der Bedarf heute schon zu Genüge da. Allerdings muss hier noch viel Akzeptanz, Toleranz und vor allem Wissen der Gesellschaft dazukommen, um mit diesem Thema ohne Vorurteile umzugehen.

Der BBS bietet 2027 erstmals eine Ausbildung im Bereich Psychiatrie an. Alle Informationen gibt es hier.